Freitag, 16. Januar 2009

Bibliotheca Rudolfina - eine fürstliche Stiftsbibliothek in Liegnitz

Liegnitz, Anfang Juli 1931

Der Liegnitzer Verkehrsverein plant, wie bereits bekannt ist, für den Herbst die Veranstaltung einer Kulturwoche. Sie soll die geistig-kulturellen Leistungen unserer Stadt vor Augen führen. Das ist ein begrüßenswertes Unternehmen! Denn wer für unsere Stadt werben will, der darf nicht bloß auf die Garten- und Gurkenstadt hinweisen, auf mehr oder weniger schöne Straßen und Parkanlagen, auf die Schaffung von Sportplätzen, auch nicht bloß auf die Fürsorge für soziale Einrichtungen mancherlei Art; er muß auch nachweisen können, daß es nicht an der Pflege kultureller Belange fehlt.
Zu den geistig-kulturellen Aufgaben unserer Städte gehört neben der Sorge für die geistige Entwicklung der Jugend auch die Fürsorge für die Bildungsbedürfnisse der Erwachsenen, und zwar aller Stände. Neben Theater, Konzerten, Museen usw. kommt hier besonders die Pflege des Buches und der Büchersammlungen in Betracht. Diese Aufgabe ist um so dringender, als heute nur noch wenige imstande sind, sich eine eigene Bücherei für Belehrungs- und Bildungsbedürfnis zu erwerben. Es wäre nun sicherlich eine dankenswerte und fesselnde Arbeit, das Liegnitzer öffentliche Büchereiwesen daraufhin zu prüfen, wieweit hier nicht allein dem Unterhaltungs- und Bildungsbedürfnis der breiten Massen, sondern auch dem wissenschaftlichen (persönlichen und beruflichen) Bedürfnis der mittleren und höheren Kreise Genüge geschieht. Doch das ist nicht der Zweck dieser Zeilen. Sie wollen nur hinweisen auf eine wissenschaftliche Bibliothek in Liegnitz, die in der Öffentlichkeit noch wenig bekannt ist und darum auch wenig beachtet wird.
Es ist die sog. Bibliotheca Rudolfina. Sie ist eine Gründung des Herzogs Georg Rudolf von Liegnitz († 1653), der zu den bedeutendsten Piastenfürsten gehörte. Auf einer großen Reise, die er zu Anfang seiner Regierung durch Deutschland, die Schweiz, Italien, Frankreich und die Niederlande machte, sammelte er den größten Teil seiner Bücherschätze. Mit großem Eifer und unter Aufwendung reicher Geldmittel vermehrte er in den folgenden Jahren diese Sammlung. Selbst in der Zeit des schwersten Druckes des Dreißigjährigen Krieges, in den Jahren 1631 bis 1635, als bald die Schweden und Sachsen, bald die Kaiserlichen das Liegnitzer Fürstentum ausraubten und die Einnahmen des Fürsten sehr zurückgingen, verlor dieser die Sorge für seine Bücherei doch nicht ganz aus den Augen. Besonders seinen Lieblingsfächern, der Theologie, der Medizin und der Musik, verschloß er in jenen Zeiten schwerer Not seine Hand nicht. Für religiöse Fragen hatte Georg Rudolf ein ungemein lebhaftes Interesse. Dabei zeigte er sich aber durchaus nicht einseitig. Damals war zwischen dem lutherischen und dem reformierten Bekenntnis ein heftiger Streit. Der Herzog selbst war reformiert; aber sein geistiger Gesichtskreis ging über den Kreis seiner eigenen Glaubensgemeinschaft hinaus. In seiner Bücherei finden wir Erzeugnisse von Lutheranern so gut wie von Kalvinisten. Ebenso aber auch Werke von katholischen Verfassern, auch von Jesuiten, und zwar nicht nur Streitschriften, sondern auch Erbauungsbücher. Zu dieser Vielseitigkeit seiner religiösen und kirchlichen Studien kam ihm unter seinen Zeitgenossen wohl kaum einer nach.
Groß ist auch die Zahl der medizinischen Schriften in der Bücherei. Der Herzog hatte für die Arzneiwissenschaft eine lebhafte Neigung und besaß in der Pflanzenkunde ein gutes Wissen. Besonders scheint ihn die Musik gefesselt zu haben. Mit großem Eifer hat er sich eine Sammlung von Musikalien angelegt. Sie bildet zwar „die kleinste, aber vielleicht wertvollste“ Abteilung in der fürstlichen Bibliothek. Sie enthält eine bedeutende Anzahl von Kompositionen, die sonst gänzlich verschollen sind. Prof. Dr. Pfudel hat sie in seinen Mitteilungen über die Bibliothek möglichst genau bibliographisch verzeichnet. Es sind jetzt nur noch 251 Nummern vorhanden, während die ursprüngliche Zahl 402 beträgt.
Der Herzog ließ die bedeutende Büchersammlung – i. J. 1618 schon umfaßte sie etwa 6000 Bände bzw. Nummern – in der Fürstlichen Stiftskirche St. Johannis aufstellen. Als er i. J. 1646 mit seinem gesamten Privatvermögen die St. Johannisstiftung gründete „zur Erhaltung der christlichen evangelischen Kirchen und Schulen“, verordnete er auch, daß die Bibliothek in der Stiftskirche verbleiben und zur Benutzung der Gelehrten geöffnet werden solle. Zugleich lag ihm eine planmäßige Vermehrung des Bücherbestandes am Herzen; denn er verordnete, daß aus den Stiftseinkünften jährlich 60 Taler für den Erwerb von Büchern verwendet werden sollten. War die Bibliothek bis dahin Privatbücherei des Herzogs gewesen, so sollte sie fortan als Stiftsbücherei den Gelehrten, also den wissenschaftlich Interessierten in Stadt und Fürstentum zu Studien dienen.
Als nach dem Aussterben der Piasten 1675 auch das Fürstentum Liegnitz als erledigtes Lehen vom Hause Habsburg eingezogen wurde, ging auch die Verwaltung des Johannesstiftes und damit auch der Stiftsbibliothek in die Hände der österreichischen Regierung über. Als dann 1698 die Johanneskirche den Evangelischen verschlossen und den Jesuiten ausgeliefert wurde, mußte die Bibliothek ihren bisherigen Standort aufgeben und in das herzogliche Schloß übersiedeln. Als dann zehn Jahre später die Liegnitzer Ritterakademie aus den Einkünften des Johannisstiftes errichtet wurde, da wurde auch die Stiftsbibliothek der neugegründeten Anstalt überwiesen „zum Nutzen der Professoren und Akademisten“. Doch behielt sie ihren Standort in dem Schlosse. Erst 1741, als Friedrich der Große Besitz von Liegnitz nahm, wurde sie vom Schlosse in das Akademiegebäude geschafft, wo sie noch jetzt aufgestellt und mit der Lehrerbibliothek des staatlichen Gymnasiums Johanneum vereinigt ist.
Trotz wiederholter größerer Verluste, die die Bibliothek im Dreißigjährigen Kriege und nach dem Tode ihres Gründers erfuhr, umfaßt sie heute noch etwa 9000 Bände, die sich auf alle Gebiete der Wissenschaft früherer Jahrhunderte verteilen. Darunter finden sich ein große Zahl sehr wertvoller Werke, auch zahlreiche sog. Wiegendrucke (d. s. Drucke vorm dem Jahre 1500) und verschiedene Handschriften. Dazu kommt eine nicht unbedeutende Zahl von kleineren Schriften (Gelegenheitsschriften, wie z. B. viele Leichenpredigten und andere kirchliche Reden, ferner Abschriften von amtlichen Aktenstücken, die zwischen den kriegführenden Mächten jener Tage gewechselt wurden, sowie allerlei Broschüren politischen Inhalts usw. Auch so manche Schrift von schlesischen und Liegnitzer Verfassern, die dem Fürsten vielfach gewidmet wurden (z. B. Dichtungen von Martin Opitz u. a.). Wenn die Literatur aus dem 16. bis 18. Jahrhundert auch nicht auf so starke Benutzung wie die aus der Gegenwart und jüngsten Vergangenheit rechnen kann, so stellen jene alten Bestände doch einen Besitz von hohem bibliographischen und historischen Wert dar und sind für die eigentlich wissenschaftliche Forschungsarbeit unentbehrlich.
Wir dürfen uns freuen, daß wir neben der Peter-Paul- und Liebfrauen-Kirchenbibliothek mit ihren alten, ungemein wertvollen Beständen auch die Bibliotheca Rudolfina haben, die zusammen mit jenen beiden Bibliotheken einen höchst wertvollen Bücherbesitz ausmachen, um den uns so manche größere Stadt beneidet. Hätten wir die Rudolfina nicht in Liegnitz, so wäre das ein empfindlicher Mangel, der gar nicht auszugleichen wäre! Das Vorhandensein dieser Bildungs- und Wissensschätze ist für Liegnitz jedenfalls ein nicht gering zu schätzendes Werbe- und Zugmittel. Zu wünschen bleibt nur dringend, daß Mittel und Wege gefunden werden möchten, die alte Fürstliche Stiftsbibliothek für die öffentliche Benutzung noch leichter, bequemer zugänglich zu machen.
F. Bahlow.

Samstag, 1. November 2008

Namen, die der Wind verweht hat.

Eine alte Chronik berichtet über die Besitzverhältnisse der Rittergüter im Liegnitzer Lande


Liegnitz, im Februar 1938
Es ist immer eine stille Freude, wenn man in einer vergilbten Chronik der Heimat blättert und nach einiger Zeit sich plötzlich klar wird, daß man mit seinen Gedanken einige Zeit völlig verbunden war mit einer längst hinter uns liegenden Zeit. Immer aufs Neue macht man Entdeckungen, aus denen man erkennt, daß das Studium der Heimatgeschichte unendlich ist und immer wieder neue Gesichtspunkte erschließt. Wie oft ist man beispielsweise bei seinen Wanderungen durchs Liegnitzer Land
an alten Landschlössern
vorüber gegangen. Manche von ihnen sind zu historischer Berühmtheit gelangt, wie z. B. Eichholz, Crayn, Wahlstatt, Brauchitschdorf, Pilgramsdorf bei Goldberg. Die meisten haben aber eine abseitigere Geschichte, die sich nur dem ganz erschließt, der sich dem Studium der Geschichte des alteingesessenen Landadels des näheren beschäftigt hat. Und wenn man das schon getan hat, so weiß man, daß auch hier ein ununterbrochenes Kommen und Gehen, ein stetes, wenn auch meist sehr langsames Auf und Ab ist. Geschlechter blühen auf und verblühen. Aber die Schlösser, in denen sie lebten und wirkten, sind meist noch da, wenn auch mehr oder weniger verändert. Auch so mancher von den alten schönen Schloßgärten ist noch lebendig mit uralten Eichen, Linden, Buchen und Kastanien. In ihren Wipfeln rauscht ein feines Lied von längst vergangenen Zeiten, ein Lied, das aber nur der vernimmt, der sich mit Vergangenem schon viel beschäftigt hat. In einer solchen alten Chronik findet sich auch eine Zusammenstellung der einstigen Besitzer der Rittergüter rings um Liegnitz. Sie erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, ist
im Jahre 1845 niedergeschrieben
worden und sie folgt hier in der Schreibweise der Orte und Familiennamen, wie sie damals üblich war. Also:

In den 3 Liegnitzschen Kreisen über der Meile von Liegnitz besaßen im Jahre 1706:

Ausche

Falkenhansche Vormundschaft

Berndorf (wie Groß-Tinz, Bischdorf, Rosenau, Mankelwitz)

Kgl. Stift zu St. Johann

Bischdorf (wie Groß-Tinz, Berndorf, Rosenau, Mankelwitz)

Kgl. Stift zu St. Johann

Buchwäldchen

Niebelschützsche Vormundschaft

Crayn

Oberst von Schweinitz

Dirschwitz

von Schweinitz

Dohnau (wie Eichholz, Tscharnikau)

Freiherr von Zaradeck

Eichholz (wie Dohnau, Tscharnikau)

Freiherr von Zaradeck

Fauljuppe

von Lüttichau

Fuchsmühl (wie Lindhart)

Graf von Goth

Gassendorf

von Kreckwitz

Groß-Jänowitz

von Liedlau

Groß-Pohlwitz

verw. Freiin von Schlebuschin

Groß-Polwitz (wie Kummernick)

von Braun

Groß-Reichen (wie Klein-Reichen)

von Bock

Groß-Tinz (wie Bischdorf, Berndorf, Rosenau, Mankelwitz)

Kgl. Stift zu St. Johann

Hummel

von Niebelschütz

Jäschkendorf

von Schweinchen

Kaltenborn (wie Krummlinde)

von Unruh

Kaudewitz

Frau von Eicke

Klein-Jänowitz (wie Nieder-Hainersdorf)

von Rothkirch-Braunsche Erben

Klein-Polwitz (wie Strachwitz)

Gebrüder von Baudiß

Klein-Reichen (wie Groß-Reichen)

von Bock

Kleintinz

von Landguth

Klein-Wandriß

von Loß

Koischkau

von Skopp

Koschkau

Freiherr von Robis

Kroitsch

Oberst von Thielau

Krummlinde (wie Kaltenborn)

von Unruh

Kuchelberg

von Kottwitz

Kummernick (wie Groß-Polwitz)

von Braun

Kunzendorf (wie Rosnig)

von Zedlitz

Langenwaldau-Anteil (wie Thiergarten)

Kloster zum Hl. Kreuz in Liegnitz

Lerchenborn

von Bock

Lindhart (wie Fuchsmühl)

Graf von Goth

Mankelwitz (wie Groß-Tinz, Berndorf, Rosenau, Bischdorf)

Kgl. Stift zu St. Johann

Maserwitz

von Rothkirch

Mittel- und Eichvorwerk zu Brauchitschdorf

verw. von Haugwitz

Mittel-Langenwaldau

verw. von Rothkirch

Mühlrädlitz

verw. Malin

Nieder-Hainersdorf (wie Klein-Jänowitz)

von Rothkirch-Braunsche Erben

Ober-Brauchitschdorf

von Niesemäuschel

Ober-Hainersdorf

von Rothkirch-Sprottische Vormundschaft

Oyas

Graf von Zierotin

Panzkau

von Glaubitz

Petersdorf

von Stosch

Pohlschildern

Landesältester von Hohberg

Prinsnig

Landesältester von Landskron

Romnitz

von Rothkirch

Rosenau (wie Groß-Tinz, Berndorf, Bischdorf, Mankelwitz)

Kgl. Stift zu St. Johann

Rosnig (wie Kunzendorf)

von Zedlitz

Rothkirch

von Falkenhayn

Schützendorf

von Kottulinsky

Siegendorf

von Kölichen und von Weyhrauch

Strachwitz (wie Klein-Polwitz)

Gebrüder von Baudiß

Thiergarten (wie Langenwaldau-Anteil)

Kloster zum Hl. Kreuz in Liegnitz

Tscharnikau (wie Eichholz, Dohnau

Freiherr von Zaradeck

Wahlstatt

Prälat zu Braunau

Weißenleipe

Graf von Schafgotsch

Wültschkau

von Hund

Zobel

von Kunietz



Wer dies Verzeichnis aufmerksam durchgelesen hat, und die heutigen Besitzverhältnisse kennt, ersieht daraus, wie viel sich auch in dieser Hinsicht
innerhalb eines Zeitraumes von fast hundert Jahren
verändert hat. Das Tempo dieses Wechsels ist immer rascher geworden. Manche der Namen der damals im Liegnitzer Lande angesessenen Familien sind heute schon fast vergessen. Eine Zeitspanne, die ein Nichts ist, gemessen an der Ewigkeit, sind sie wie Spreu, die der Wind verweht hat.

Freitag, 31. Oktober 2008

Das Stadtarchiv in Liegnitz als Quelle familiengeschichtlicher Forschung

Von Dipl.-Hdl. Oppermann, Liegnitz

Liegnitzer Tageblatt, 8. April 1936

Beim Erforschen der Familiengeschichte werden in den meisten Fällen nur die Kirchenregister zur Hilfe herangezogen. Daneben gibt es jedoch eine große Zahl genealogischer Quellen, die man oft nicht in der rechten Weise ausnützt. Hierzu gehören vor allem die privaten und öffentlichen Archive. Der Sippenforscher sollte, ehe er zeitraubende und kostspielige Anfragen stellt, sich erst einmal mit der gedruckten Fachliteratur gründlich vertraut machen. Die hiesige Stadtbibliothek besitzt zahlreiche Werke und Zeitschriften familienkundlichen Inhalts, deren Studium häufig viel schneller zum Ziele führt als Auskunftseinholungen bei Kirchen und Behörden. Soweit es sich um hiesige Geschlechter im Mittelalter handelt, sind die „Mitteilungen des Geschichts- und Altertums-Vereins zu Liegnitz“ nicht zu vergessen, insbesondere Band 14. Über die Entstehung der Liegnitzer Familiennamen gibt Dr. Hans Bahlow in Band 10, S. 102 ff., Aufschluss.

Neben diesen gedruckten Quellen verfügt unser Heimatort über eine gut geordnete und katalogisierte Sammlung aller Akten und Urkunden, die den Forscher instand setzt, seine Sippengeschichte bis zum 14. und 13. Jahrhundert zurückzuverfolgen. Während die Kirchenregister Deutschlands in der Regel nur bis zum Dreißigjährigen Kriege erhalten sind, geben die Personenstands-Beurkundungen von Peter-Paul schon von 1546, von Liebfrauen von 1574 an Auskunft; sie gehören zu den ältesten Tauf- und Traubüchern Schlesiens und Deutschlands.

Aus den Beständen des Liegnitzer Stadtarchivs kann der Familienforscher noch über diese Jahre hinaus wichtige Aufschlüsse über seine Vorfahren finden. Die bedeutendsten Quellen für die Familienforschung in Liegnitz im Mittelalter sind:

1. Die Geschoßbücher. Sie enthalten ein Verzeichnis aller grundsteuerpflichtigen Haus- und Grundbesitzer. Das älteste stammt aus dem Jahre 1372; ein anderes, das von Johannes Bitschen, dem Vater des bekannten Stadtschreibers Ambrosius Bitschen, angelegt ist, datiert vom Jahre 1414. Während um jene Zeit die Familiennamen noch schwankten, sind sie im großen und ganzen schon unveränderlich geworden, als das 3. Steuerregister, das erhalten geblieben ist, aufgestellt wurde: nämlich das Geschoßbuch von Ambrosius Bitschen aus dem Jahre 1451. (Eine ausführliche Abhandlung über letzteres ist in Band 7 der „Mitteilungen“ zu finden.) Die Geschoß- und Zinsbücher reichen von 1372 bis 1746, die Steuerregister von 1676 bis etwa 1820. Sie geben die Vor- und Zunamen der Einwohner mit dem zu zahlenden „Geschoß“ an, geordnet nach ihrer Wohnung in der Stadt und ihrem Beruf; aber auch die Stadt-Dörfer sind zum Teil hier aufgenommen.

2. Für die Orts- und Familiengeschichte besonders wichtig sind ferner Bitschen’s „Zinsbuch von 1446“ mit einer übersichtlichen Zusammenstellung sämtlicher Rentenschulden der Stadt Liegnitz und das große „Privilegienbuch“ von 1447 mit den wichtigsten ältesten Urkunden in Abschrift. (Vgl. auch Band 13, S. 102, und Band 14, S. 370 der „Mitteilungen des Geschichts- und Altertums-Vereins Liegnitz“.)

3. Schirrmachers gedrucktes „Liegnitzer Urkundenbuch“ verzeichnet in seinem Vorwort die Quellenschriften für den Zeitraum 1313 bis 1455, u. a. auch die unter Nr. 1 und Nr. 2 genannten Urkunden; im Hauptteil ist für die Jahre 1149 und 1455 in 785 Nummern und 5 Nachträgen reicher familiengeschichtlicher Stoff vorhanden, u. a. ein Verzeichnis der Bürgermeister und Ratmannen, der Stadtrichter und Stadtschöppen von 1314 an, mit anschließendem alphabetischem Personen- und Ortsnamen-Register. (Vgl. auch: „Über die Ergänzung des Schöffenkollegiums der Stadt Liegnitz im 14. Jahrhundert“; Band 10 der „Mitteilungen des Geschichts- und Altertums-Vereins Liegnitz“.)

4. Eine Ergänzung zum obigen Urkundenbuch bilden die Schöppenbücher, die von 1380 bis 1527 vorhanden sind, wenn auch mit manchen Lücken. Sie enthalten Rechtsgeschäfte aller Art, wie Kauf und Verkauf, Veräußerungen in mannigfacher Form, Verpfändungen, Testamente usw.; ferner: Magdeburger Schöppenbriefe 1545 ff., Leipziger Schöppenbriefe 1551 bis 1673, Schöppengerichts-Protokolle 1538 bis 1541.

5. Die 85 Bände „Kontraktenbücher“ (Stadtbücher) von Liegnitz, die von 1372 an bis 1814 vorwiegend Käufe von Häusern und Grundstücken nachweisen, befinden sich im Staatsarchiv in Breslau. Das Liegnitzer Archiv verfügt jedoch über ausführliche Auszüge dieser wichtigen Akten von 1517 ab, die von Pastor E. Tschersich in musterhafter Weise angefertigt wurden. Aus seiner Feder stammt über die Jahre 1517 bis 1618 in Bd. 14 eine Veröffentlichung, die auch kulturgeschichtlich wichtige Aufschlüsse gewährt. Ein alphabetisches Namenregister für den gleichen Zeitabschnitt erleichtert dem Familienforscher seine Arbeit: von mehr als 1000 Personen aus der Innenstadt erfahren wir hier, wann und in welcher Gasse die Genannten wohnten.

6. In den ältesten Zeiten sind oft die Aufzeichnungen über die Bürgeraufnahme die einzigen Quellen der Familiengeschichte. In diesen „Bürgerrollen“ wurden alle Personen namhaft gemacht, die das Bürgerrecht erworben hatten. Derartige Listen von Liegnitz sind für 1616-1739 vorhanden, ferner: Bürgerrechtsanträge und -Erteilungen, sowie Bürgerrechtserneuerungen für die Zwischenzeit bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie geben neben dem Namen und Beruf an, wann der Bürgereid geleistet worden ist, und aus welchem Orte der Neuaufgenommene herstammte.

7. Während diese Bürgerrollen die Einwohner nur einmal aufführen, nämlich in dem Jahre ihrer Bürgerrechtserwerbung, zählen die Bürgerverzeichnisse und Einwohnerlisten (Seelenregister) die gesamte Einwohnerschaft in regelmäßigen Zeitabständen auf, zum Teil mit Angabe des Berufes, der Herkunft und des Mietsverhältnisses; so enthält z. B. die Bürgerliste von 1665 ff. die wehrfähige Bevölkerung „in 4 Kompagnien eingeteilt, wie dieselben zu Zug und Wachen jedesmal erfordert werden“; außerdem sind alle Wirte und Hausleute, nach der Wohnung geordnet, genannt. Diese Einwohnerverzeichnisse, Seelenregister, Hausbesitzerlisten, Liste der Zu- und Weggezogenen reichen von 1572 ab bis zur Gegenwart.

8. Sehr viel familiengeschichtlich bedeutungsvolles Material ist in den alten Gerichtsakten des Stadtarchivs vorhanden. Für die Forschung im Mittelalter kommt vor allem das „Buch der Verfestungen“ (Blutbuch) von 1339-1354 in Betracht. Die sonstigen „Criminalia“ und Gerichtsbücher umfassen die Jahre 1533-1712, 1461-1736 bzw. 1552-1785 ff. – Die Nachlass-Sachen und Prozess-Akten beginnen 1423; zahlreiche hinterlegte Testamente aus den Jahren 1541 bis 1743 und das Verzeichnis der Testamente seit 1778 geben ebenfalls sippengeschichtlichen Aufschluss.

9. Schwierig, aber lohnen ist das Forschen in den Rechnungsbüchern der Stadt und in den Rathäuslichen Protokollen und „Diarien“, wie in den Protokollbüchern der Stadtverordnetenversammlungen für die Jahre 1524 ff. Das älteste Rechnungsbuch ist das von 1368. Es gehört zu Schlesiens ältesten Büchern dieser Art und ist für die Namen- und Familienforschung im Mittelalter höchst bedeutungsvoll. (Vgl. auch Band 8, S. 374 der „Mitteilungen des Geschichts- und Altertums-Vereins Liegnitz“.)

10. Über Personen, die ein Handwerk oder sonstiges Gewerbe ausübten, besitzen wir Akten für die Jahre 1439-1840 unter Nr. A. 197-222, über die Apotheken von 1439 bis 1722. – Unter Nr. A. 1212 ff. sind die umfangreichen Schriftstücke der Zünfte und Innungen für rund 500 Jahre registriert, nämlich von 1350 bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Zu letzteren gehören die für die Familiengeschichte hauptsächlich in Frage kommenden Geburts- und Lehrbriefe (Kundschaften), von denen rund 1200 in besonderen Listen für die Jahre 1498 bis zum Ende des 19. Jahrhunderts verzettelt sind; noch einige weitere Hundert sind unter Sammelbänden verstreut oder im Besitz der Innungen und harren noch der Bearbeitung. In diesen Kundschaften sind auf Grund der Kirchenbücher das Geburtsdatum der in die Zunft Aufzunehmenden, meist auch das Heiratsdatum der Eltern und ihre Abstammungen angegeben, so daß aus diesen „Briefen“ Aufschluss über drei Geschlechterreihen zu finden ist.

11. Bewerbungsschreiben und sonstige Personalakten der städtischen Beamten, Angestellten und Lehrer sind von 1809 bis zur Gegenwart [1936] hier hinterlegt.

12. Für die Stadt-Dörfer und andere Landgemeinden besitzt das Archiv die Urbarien (Grundbücher) und Schöppenbücher von 1532 bis zum 19. Jahrhundert, unter anderen auch ein Seelenregister von den Liegnitzer Stadt-Dörfern für 1784. Von folgenden Dörfern sind Akten aufbewahrt: Dornbusch, Liegnitzer Vorwerk, Prinkendorf, Neudorf, Kossendau, Klein-Tinz, Groß-Tinz, Nikolstadt, Greibnig, Tentschel, Kaltenhaus, Waldau, Hummel, Rüstern, Neurode, Lobendau, Steinsdorf; ferner von Wangten, Jacobsdorf, Sechshufen-Langenwaldau, Liebenau, Alt-Beckern, Pohlschildern, Herrndorf, Merschwitz und das Schöppenbuch von Ketschdorf für 1824-1874.

13. Mit dem Stadtarchiv vereinigt sind die Kirchenbibliotheken.

[An dieser Stelle ist die Zeitung abgeschnitten]

Liegnitzer Bibliotheca Rudolfina in städtischer Verwaltung

Liegnitz, 5. Dezember 1935

Die altehrwürdige Bibliotheca Rudolphina, die einzige vollständige schlesische Fürstenbibliothek, geht mit Genehmigung des Oberpräsidenten in die Verwaltung der Stadt Liegnitz über. Sie wird demnächst aus der Ritterakademie, wo sie seit deren Bestehen untergebracht war, in das Gebäude des städtischen Gymnasiums überführt und mit der Stadtbibliothek vereinigt. Damit haben alle großen wissenschaftlichen Büchereien von Liegnitz an der gleichen Stelle ihren Platz gefunden und werden einheitlich betreut. Ihre Benutzung wird dadurch möglichst erleichtert und so im kulturellen Leben unserer Stadt ein bedeutsamer Fortschritt erzielt.

Die „Bibliotheca Rudolphina“ ist von dem 1658 gestorbenen Herzog Georg Rudolf von Liegnitz gegründet worden. Dieser Herzog, einer der bedeutendsten Vertreter des Piastengeschlechts, unternahm zu Beginn seiner Regierung größere Reisen durch Deutschland, die Schweiz, Italien, die Niederlande und Frankreich und kehrte jedesmal mit großen Bücherschätzen beladen heim. Selbst in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, als der Herzog über große finanzielle Verluste klagen mußte, vernachlässigte er nicht seinen Lieblingsplan, eine umfangreiche und wertvolle Bibliothek zu gründen.

Diesem Streben verdankt die Stadt Liegnitz eine Bibliothek, die in rund 9.000 Bänden das Wissen früherer Jahrhunderte dokumentiert. In dieser Bibliothek sind hauptsächlich Werke der Theologie, der Medizin und der Musik vereint. Die theologische Abteilung dürfte für den evangelischen Historiker und Theologen eine sehr wertvolle Stelle für seine Studien sein, da sie hauptsächlich Werke enthält, die in dem Streit zwischen dem lutherischen und dem reformierten Bekenntnis geschrieben worden sind.

Nicht minder interessant sind die Schriften medizinischen Inhalts aus dieser Zeit. Die kleinste, aber wertvollste Abteilung der Bibliotheca Rudolphina ist die Sammlung der Musikalien, die eine bedeutende Anzahl von Kompositionen enthält, die sonst gänzlich verschollen sind. Im ganzen sind heute nur noch 251 Nummern der musikalischen Bibliothek erhalten.

Die Bibliothek, die im Jahre 1618 bereits 6.000 Bände umfaßte, war zunächst in der Fürstlichen Stiftskirche St. Johannis aufgestellt, ging später in den Besitz der österreichischen Regierung über, die sie in dem herzoglichen Schloß unterbrachte. Erst 1741 wurden die Bücher der Bibliothek „zum Nutzen der Professoren und Akademisten“ von Friedrich dem Großen der neugegründeten Liegnitzer Ritterakademie überwiesen, in deren Räumen sie noch heute stehen.