Freitag, 31. Oktober 2008

Das Stadtarchiv in Liegnitz als Quelle familiengeschichtlicher Forschung

Von Dipl.-Hdl. Oppermann, Liegnitz

Liegnitzer Tageblatt, 8. April 1936

Beim Erforschen der Familiengeschichte werden in den meisten Fällen nur die Kirchenregister zur Hilfe herangezogen. Daneben gibt es jedoch eine große Zahl genealogischer Quellen, die man oft nicht in der rechten Weise ausnützt. Hierzu gehören vor allem die privaten und öffentlichen Archive. Der Sippenforscher sollte, ehe er zeitraubende und kostspielige Anfragen stellt, sich erst einmal mit der gedruckten Fachliteratur gründlich vertraut machen. Die hiesige Stadtbibliothek besitzt zahlreiche Werke und Zeitschriften familienkundlichen Inhalts, deren Studium häufig viel schneller zum Ziele führt als Auskunftseinholungen bei Kirchen und Behörden. Soweit es sich um hiesige Geschlechter im Mittelalter handelt, sind die „Mitteilungen des Geschichts- und Altertums-Vereins zu Liegnitz“ nicht zu vergessen, insbesondere Band 14. Über die Entstehung der Liegnitzer Familiennamen gibt Dr. Hans Bahlow in Band 10, S. 102 ff., Aufschluss.

Neben diesen gedruckten Quellen verfügt unser Heimatort über eine gut geordnete und katalogisierte Sammlung aller Akten und Urkunden, die den Forscher instand setzt, seine Sippengeschichte bis zum 14. und 13. Jahrhundert zurückzuverfolgen. Während die Kirchenregister Deutschlands in der Regel nur bis zum Dreißigjährigen Kriege erhalten sind, geben die Personenstands-Beurkundungen von Peter-Paul schon von 1546, von Liebfrauen von 1574 an Auskunft; sie gehören zu den ältesten Tauf- und Traubüchern Schlesiens und Deutschlands.

Aus den Beständen des Liegnitzer Stadtarchivs kann der Familienforscher noch über diese Jahre hinaus wichtige Aufschlüsse über seine Vorfahren finden. Die bedeutendsten Quellen für die Familienforschung in Liegnitz im Mittelalter sind:

1. Die Geschoßbücher. Sie enthalten ein Verzeichnis aller grundsteuerpflichtigen Haus- und Grundbesitzer. Das älteste stammt aus dem Jahre 1372; ein anderes, das von Johannes Bitschen, dem Vater des bekannten Stadtschreibers Ambrosius Bitschen, angelegt ist, datiert vom Jahre 1414. Während um jene Zeit die Familiennamen noch schwankten, sind sie im großen und ganzen schon unveränderlich geworden, als das 3. Steuerregister, das erhalten geblieben ist, aufgestellt wurde: nämlich das Geschoßbuch von Ambrosius Bitschen aus dem Jahre 1451. (Eine ausführliche Abhandlung über letzteres ist in Band 7 der „Mitteilungen“ zu finden.) Die Geschoß- und Zinsbücher reichen von 1372 bis 1746, die Steuerregister von 1676 bis etwa 1820. Sie geben die Vor- und Zunamen der Einwohner mit dem zu zahlenden „Geschoß“ an, geordnet nach ihrer Wohnung in der Stadt und ihrem Beruf; aber auch die Stadt-Dörfer sind zum Teil hier aufgenommen.

2. Für die Orts- und Familiengeschichte besonders wichtig sind ferner Bitschen’s „Zinsbuch von 1446“ mit einer übersichtlichen Zusammenstellung sämtlicher Rentenschulden der Stadt Liegnitz und das große „Privilegienbuch“ von 1447 mit den wichtigsten ältesten Urkunden in Abschrift. (Vgl. auch Band 13, S. 102, und Band 14, S. 370 der „Mitteilungen des Geschichts- und Altertums-Vereins Liegnitz“.)

3. Schirrmachers gedrucktes „Liegnitzer Urkundenbuch“ verzeichnet in seinem Vorwort die Quellenschriften für den Zeitraum 1313 bis 1455, u. a. auch die unter Nr. 1 und Nr. 2 genannten Urkunden; im Hauptteil ist für die Jahre 1149 und 1455 in 785 Nummern und 5 Nachträgen reicher familiengeschichtlicher Stoff vorhanden, u. a. ein Verzeichnis der Bürgermeister und Ratmannen, der Stadtrichter und Stadtschöppen von 1314 an, mit anschließendem alphabetischem Personen- und Ortsnamen-Register. (Vgl. auch: „Über die Ergänzung des Schöffenkollegiums der Stadt Liegnitz im 14. Jahrhundert“; Band 10 der „Mitteilungen des Geschichts- und Altertums-Vereins Liegnitz“.)

4. Eine Ergänzung zum obigen Urkundenbuch bilden die Schöppenbücher, die von 1380 bis 1527 vorhanden sind, wenn auch mit manchen Lücken. Sie enthalten Rechtsgeschäfte aller Art, wie Kauf und Verkauf, Veräußerungen in mannigfacher Form, Verpfändungen, Testamente usw.; ferner: Magdeburger Schöppenbriefe 1545 ff., Leipziger Schöppenbriefe 1551 bis 1673, Schöppengerichts-Protokolle 1538 bis 1541.

5. Die 85 Bände „Kontraktenbücher“ (Stadtbücher) von Liegnitz, die von 1372 an bis 1814 vorwiegend Käufe von Häusern und Grundstücken nachweisen, befinden sich im Staatsarchiv in Breslau. Das Liegnitzer Archiv verfügt jedoch über ausführliche Auszüge dieser wichtigen Akten von 1517 ab, die von Pastor E. Tschersich in musterhafter Weise angefertigt wurden. Aus seiner Feder stammt über die Jahre 1517 bis 1618 in Bd. 14 eine Veröffentlichung, die auch kulturgeschichtlich wichtige Aufschlüsse gewährt. Ein alphabetisches Namenregister für den gleichen Zeitabschnitt erleichtert dem Familienforscher seine Arbeit: von mehr als 1000 Personen aus der Innenstadt erfahren wir hier, wann und in welcher Gasse die Genannten wohnten.

6. In den ältesten Zeiten sind oft die Aufzeichnungen über die Bürgeraufnahme die einzigen Quellen der Familiengeschichte. In diesen „Bürgerrollen“ wurden alle Personen namhaft gemacht, die das Bürgerrecht erworben hatten. Derartige Listen von Liegnitz sind für 1616-1739 vorhanden, ferner: Bürgerrechtsanträge und -Erteilungen, sowie Bürgerrechtserneuerungen für die Zwischenzeit bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie geben neben dem Namen und Beruf an, wann der Bürgereid geleistet worden ist, und aus welchem Orte der Neuaufgenommene herstammte.

7. Während diese Bürgerrollen die Einwohner nur einmal aufführen, nämlich in dem Jahre ihrer Bürgerrechtserwerbung, zählen die Bürgerverzeichnisse und Einwohnerlisten (Seelenregister) die gesamte Einwohnerschaft in regelmäßigen Zeitabständen auf, zum Teil mit Angabe des Berufes, der Herkunft und des Mietsverhältnisses; so enthält z. B. die Bürgerliste von 1665 ff. die wehrfähige Bevölkerung „in 4 Kompagnien eingeteilt, wie dieselben zu Zug und Wachen jedesmal erfordert werden“; außerdem sind alle Wirte und Hausleute, nach der Wohnung geordnet, genannt. Diese Einwohnerverzeichnisse, Seelenregister, Hausbesitzerlisten, Liste der Zu- und Weggezogenen reichen von 1572 ab bis zur Gegenwart.

8. Sehr viel familiengeschichtlich bedeutungsvolles Material ist in den alten Gerichtsakten des Stadtarchivs vorhanden. Für die Forschung im Mittelalter kommt vor allem das „Buch der Verfestungen“ (Blutbuch) von 1339-1354 in Betracht. Die sonstigen „Criminalia“ und Gerichtsbücher umfassen die Jahre 1533-1712, 1461-1736 bzw. 1552-1785 ff. – Die Nachlass-Sachen und Prozess-Akten beginnen 1423; zahlreiche hinterlegte Testamente aus den Jahren 1541 bis 1743 und das Verzeichnis der Testamente seit 1778 geben ebenfalls sippengeschichtlichen Aufschluss.

9. Schwierig, aber lohnen ist das Forschen in den Rechnungsbüchern der Stadt und in den Rathäuslichen Protokollen und „Diarien“, wie in den Protokollbüchern der Stadtverordnetenversammlungen für die Jahre 1524 ff. Das älteste Rechnungsbuch ist das von 1368. Es gehört zu Schlesiens ältesten Büchern dieser Art und ist für die Namen- und Familienforschung im Mittelalter höchst bedeutungsvoll. (Vgl. auch Band 8, S. 374 der „Mitteilungen des Geschichts- und Altertums-Vereins Liegnitz“.)

10. Über Personen, die ein Handwerk oder sonstiges Gewerbe ausübten, besitzen wir Akten für die Jahre 1439-1840 unter Nr. A. 197-222, über die Apotheken von 1439 bis 1722. – Unter Nr. A. 1212 ff. sind die umfangreichen Schriftstücke der Zünfte und Innungen für rund 500 Jahre registriert, nämlich von 1350 bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Zu letzteren gehören die für die Familiengeschichte hauptsächlich in Frage kommenden Geburts- und Lehrbriefe (Kundschaften), von denen rund 1200 in besonderen Listen für die Jahre 1498 bis zum Ende des 19. Jahrhunderts verzettelt sind; noch einige weitere Hundert sind unter Sammelbänden verstreut oder im Besitz der Innungen und harren noch der Bearbeitung. In diesen Kundschaften sind auf Grund der Kirchenbücher das Geburtsdatum der in die Zunft Aufzunehmenden, meist auch das Heiratsdatum der Eltern und ihre Abstammungen angegeben, so daß aus diesen „Briefen“ Aufschluss über drei Geschlechterreihen zu finden ist.

11. Bewerbungsschreiben und sonstige Personalakten der städtischen Beamten, Angestellten und Lehrer sind von 1809 bis zur Gegenwart [1936] hier hinterlegt.

12. Für die Stadt-Dörfer und andere Landgemeinden besitzt das Archiv die Urbarien (Grundbücher) und Schöppenbücher von 1532 bis zum 19. Jahrhundert, unter anderen auch ein Seelenregister von den Liegnitzer Stadt-Dörfern für 1784. Von folgenden Dörfern sind Akten aufbewahrt: Dornbusch, Liegnitzer Vorwerk, Prinkendorf, Neudorf, Kossendau, Klein-Tinz, Groß-Tinz, Nikolstadt, Greibnig, Tentschel, Kaltenhaus, Waldau, Hummel, Rüstern, Neurode, Lobendau, Steinsdorf; ferner von Wangten, Jacobsdorf, Sechshufen-Langenwaldau, Liebenau, Alt-Beckern, Pohlschildern, Herrndorf, Merschwitz und das Schöppenbuch von Ketschdorf für 1824-1874.

13. Mit dem Stadtarchiv vereinigt sind die Kirchenbibliotheken.

[An dieser Stelle ist die Zeitung abgeschnitten]

Liegnitzer Bibliotheca Rudolfina in städtischer Verwaltung

Liegnitz, 5. Dezember 1935

Die altehrwürdige Bibliotheca Rudolphina, die einzige vollständige schlesische Fürstenbibliothek, geht mit Genehmigung des Oberpräsidenten in die Verwaltung der Stadt Liegnitz über. Sie wird demnächst aus der Ritterakademie, wo sie seit deren Bestehen untergebracht war, in das Gebäude des städtischen Gymnasiums überführt und mit der Stadtbibliothek vereinigt. Damit haben alle großen wissenschaftlichen Büchereien von Liegnitz an der gleichen Stelle ihren Platz gefunden und werden einheitlich betreut. Ihre Benutzung wird dadurch möglichst erleichtert und so im kulturellen Leben unserer Stadt ein bedeutsamer Fortschritt erzielt.

Die „Bibliotheca Rudolphina“ ist von dem 1658 gestorbenen Herzog Georg Rudolf von Liegnitz gegründet worden. Dieser Herzog, einer der bedeutendsten Vertreter des Piastengeschlechts, unternahm zu Beginn seiner Regierung größere Reisen durch Deutschland, die Schweiz, Italien, die Niederlande und Frankreich und kehrte jedesmal mit großen Bücherschätzen beladen heim. Selbst in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, als der Herzog über große finanzielle Verluste klagen mußte, vernachlässigte er nicht seinen Lieblingsplan, eine umfangreiche und wertvolle Bibliothek zu gründen.

Diesem Streben verdankt die Stadt Liegnitz eine Bibliothek, die in rund 9.000 Bänden das Wissen früherer Jahrhunderte dokumentiert. In dieser Bibliothek sind hauptsächlich Werke der Theologie, der Medizin und der Musik vereint. Die theologische Abteilung dürfte für den evangelischen Historiker und Theologen eine sehr wertvolle Stelle für seine Studien sein, da sie hauptsächlich Werke enthält, die in dem Streit zwischen dem lutherischen und dem reformierten Bekenntnis geschrieben worden sind.

Nicht minder interessant sind die Schriften medizinischen Inhalts aus dieser Zeit. Die kleinste, aber wertvollste Abteilung der Bibliotheca Rudolphina ist die Sammlung der Musikalien, die eine bedeutende Anzahl von Kompositionen enthält, die sonst gänzlich verschollen sind. Im ganzen sind heute nur noch 251 Nummern der musikalischen Bibliothek erhalten.

Die Bibliothek, die im Jahre 1618 bereits 6.000 Bände umfaßte, war zunächst in der Fürstlichen Stiftskirche St. Johannis aufgestellt, ging später in den Besitz der österreichischen Regierung über, die sie in dem herzoglichen Schloß unterbrachte. Erst 1741 wurden die Bücher der Bibliothek „zum Nutzen der Professoren und Akademisten“ von Friedrich dem Großen der neugegründeten Liegnitzer Ritterakademie überwiesen, in deren Räumen sie noch heute stehen.