Freitag, 31. Oktober 2008

Liegnitzer Bibliotheca Rudolfina in städtischer Verwaltung

Liegnitz, 5. Dezember 1935

Die altehrwürdige Bibliotheca Rudolphina, die einzige vollständige schlesische Fürstenbibliothek, geht mit Genehmigung des Oberpräsidenten in die Verwaltung der Stadt Liegnitz über. Sie wird demnächst aus der Ritterakademie, wo sie seit deren Bestehen untergebracht war, in das Gebäude des städtischen Gymnasiums überführt und mit der Stadtbibliothek vereinigt. Damit haben alle großen wissenschaftlichen Büchereien von Liegnitz an der gleichen Stelle ihren Platz gefunden und werden einheitlich betreut. Ihre Benutzung wird dadurch möglichst erleichtert und so im kulturellen Leben unserer Stadt ein bedeutsamer Fortschritt erzielt.

Die „Bibliotheca Rudolphina“ ist von dem 1658 gestorbenen Herzog Georg Rudolf von Liegnitz gegründet worden. Dieser Herzog, einer der bedeutendsten Vertreter des Piastengeschlechts, unternahm zu Beginn seiner Regierung größere Reisen durch Deutschland, die Schweiz, Italien, die Niederlande und Frankreich und kehrte jedesmal mit großen Bücherschätzen beladen heim. Selbst in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, als der Herzog über große finanzielle Verluste klagen mußte, vernachlässigte er nicht seinen Lieblingsplan, eine umfangreiche und wertvolle Bibliothek zu gründen.

Diesem Streben verdankt die Stadt Liegnitz eine Bibliothek, die in rund 9.000 Bänden das Wissen früherer Jahrhunderte dokumentiert. In dieser Bibliothek sind hauptsächlich Werke der Theologie, der Medizin und der Musik vereint. Die theologische Abteilung dürfte für den evangelischen Historiker und Theologen eine sehr wertvolle Stelle für seine Studien sein, da sie hauptsächlich Werke enthält, die in dem Streit zwischen dem lutherischen und dem reformierten Bekenntnis geschrieben worden sind.

Nicht minder interessant sind die Schriften medizinischen Inhalts aus dieser Zeit. Die kleinste, aber wertvollste Abteilung der Bibliotheca Rudolphina ist die Sammlung der Musikalien, die eine bedeutende Anzahl von Kompositionen enthält, die sonst gänzlich verschollen sind. Im ganzen sind heute nur noch 251 Nummern der musikalischen Bibliothek erhalten.

Die Bibliothek, die im Jahre 1618 bereits 6.000 Bände umfaßte, war zunächst in der Fürstlichen Stiftskirche St. Johannis aufgestellt, ging später in den Besitz der österreichischen Regierung über, die sie in dem herzoglichen Schloß unterbrachte. Erst 1741 wurden die Bücher der Bibliothek „zum Nutzen der Professoren und Akademisten“ von Friedrich dem Großen der neugegründeten Liegnitzer Ritterakademie überwiesen, in deren Räumen sie noch heute stehen.

1 Kommentar:

Clarissa hat gesagt…

Die Bibliotheca Rudolphina wurde in der Zwischenzeit größtenteils verfilmt; eine Kopie der Filme steht in Marburg zur Verfügung. Weitere Infos dazu unter http://web.uni-marburg.de/fpmr/html/db/sibres_info.html

Eine ausführliche Beschreibung der Bestände und ihrer historischen Entwicklung findet sich auch in dem Bericht "Sicherungsverfilmung ausgewählter deutschsprachiger Altbestände an der Universitätsbibliothek Breslau" von Stephan Wannewitz, einsehbar unter
http://web.uni-marburg.de/fpmr/html/db/sibres_info.html