Freitag, 16. Januar 2009

Bibliotheca Rudolfina - eine fürstliche Stiftsbibliothek in Liegnitz

Liegnitz, Anfang Juli 1931

Der Liegnitzer Verkehrsverein plant, wie bereits bekannt ist, für den Herbst die Veranstaltung einer Kulturwoche. Sie soll die geistig-kulturellen Leistungen unserer Stadt vor Augen führen. Das ist ein begrüßenswertes Unternehmen! Denn wer für unsere Stadt werben will, der darf nicht bloß auf die Garten- und Gurkenstadt hinweisen, auf mehr oder weniger schöne Straßen und Parkanlagen, auf die Schaffung von Sportplätzen, auch nicht bloß auf die Fürsorge für soziale Einrichtungen mancherlei Art; er muß auch nachweisen können, daß es nicht an der Pflege kultureller Belange fehlt.
Zu den geistig-kulturellen Aufgaben unserer Städte gehört neben der Sorge für die geistige Entwicklung der Jugend auch die Fürsorge für die Bildungsbedürfnisse der Erwachsenen, und zwar aller Stände. Neben Theater, Konzerten, Museen usw. kommt hier besonders die Pflege des Buches und der Büchersammlungen in Betracht. Diese Aufgabe ist um so dringender, als heute nur noch wenige imstande sind, sich eine eigene Bücherei für Belehrungs- und Bildungsbedürfnis zu erwerben. Es wäre nun sicherlich eine dankenswerte und fesselnde Arbeit, das Liegnitzer öffentliche Büchereiwesen daraufhin zu prüfen, wieweit hier nicht allein dem Unterhaltungs- und Bildungsbedürfnis der breiten Massen, sondern auch dem wissenschaftlichen (persönlichen und beruflichen) Bedürfnis der mittleren und höheren Kreise Genüge geschieht. Doch das ist nicht der Zweck dieser Zeilen. Sie wollen nur hinweisen auf eine wissenschaftliche Bibliothek in Liegnitz, die in der Öffentlichkeit noch wenig bekannt ist und darum auch wenig beachtet wird.
Es ist die sog. Bibliotheca Rudolfina. Sie ist eine Gründung des Herzogs Georg Rudolf von Liegnitz († 1653), der zu den bedeutendsten Piastenfürsten gehörte. Auf einer großen Reise, die er zu Anfang seiner Regierung durch Deutschland, die Schweiz, Italien, Frankreich und die Niederlande machte, sammelte er den größten Teil seiner Bücherschätze. Mit großem Eifer und unter Aufwendung reicher Geldmittel vermehrte er in den folgenden Jahren diese Sammlung. Selbst in der Zeit des schwersten Druckes des Dreißigjährigen Krieges, in den Jahren 1631 bis 1635, als bald die Schweden und Sachsen, bald die Kaiserlichen das Liegnitzer Fürstentum ausraubten und die Einnahmen des Fürsten sehr zurückgingen, verlor dieser die Sorge für seine Bücherei doch nicht ganz aus den Augen. Besonders seinen Lieblingsfächern, der Theologie, der Medizin und der Musik, verschloß er in jenen Zeiten schwerer Not seine Hand nicht. Für religiöse Fragen hatte Georg Rudolf ein ungemein lebhaftes Interesse. Dabei zeigte er sich aber durchaus nicht einseitig. Damals war zwischen dem lutherischen und dem reformierten Bekenntnis ein heftiger Streit. Der Herzog selbst war reformiert; aber sein geistiger Gesichtskreis ging über den Kreis seiner eigenen Glaubensgemeinschaft hinaus. In seiner Bücherei finden wir Erzeugnisse von Lutheranern so gut wie von Kalvinisten. Ebenso aber auch Werke von katholischen Verfassern, auch von Jesuiten, und zwar nicht nur Streitschriften, sondern auch Erbauungsbücher. Zu dieser Vielseitigkeit seiner religiösen und kirchlichen Studien kam ihm unter seinen Zeitgenossen wohl kaum einer nach.
Groß ist auch die Zahl der medizinischen Schriften in der Bücherei. Der Herzog hatte für die Arzneiwissenschaft eine lebhafte Neigung und besaß in der Pflanzenkunde ein gutes Wissen. Besonders scheint ihn die Musik gefesselt zu haben. Mit großem Eifer hat er sich eine Sammlung von Musikalien angelegt. Sie bildet zwar „die kleinste, aber vielleicht wertvollste“ Abteilung in der fürstlichen Bibliothek. Sie enthält eine bedeutende Anzahl von Kompositionen, die sonst gänzlich verschollen sind. Prof. Dr. Pfudel hat sie in seinen Mitteilungen über die Bibliothek möglichst genau bibliographisch verzeichnet. Es sind jetzt nur noch 251 Nummern vorhanden, während die ursprüngliche Zahl 402 beträgt.
Der Herzog ließ die bedeutende Büchersammlung – i. J. 1618 schon umfaßte sie etwa 6000 Bände bzw. Nummern – in der Fürstlichen Stiftskirche St. Johannis aufstellen. Als er i. J. 1646 mit seinem gesamten Privatvermögen die St. Johannisstiftung gründete „zur Erhaltung der christlichen evangelischen Kirchen und Schulen“, verordnete er auch, daß die Bibliothek in der Stiftskirche verbleiben und zur Benutzung der Gelehrten geöffnet werden solle. Zugleich lag ihm eine planmäßige Vermehrung des Bücherbestandes am Herzen; denn er verordnete, daß aus den Stiftseinkünften jährlich 60 Taler für den Erwerb von Büchern verwendet werden sollten. War die Bibliothek bis dahin Privatbücherei des Herzogs gewesen, so sollte sie fortan als Stiftsbücherei den Gelehrten, also den wissenschaftlich Interessierten in Stadt und Fürstentum zu Studien dienen.
Als nach dem Aussterben der Piasten 1675 auch das Fürstentum Liegnitz als erledigtes Lehen vom Hause Habsburg eingezogen wurde, ging auch die Verwaltung des Johannesstiftes und damit auch der Stiftsbibliothek in die Hände der österreichischen Regierung über. Als dann 1698 die Johanneskirche den Evangelischen verschlossen und den Jesuiten ausgeliefert wurde, mußte die Bibliothek ihren bisherigen Standort aufgeben und in das herzogliche Schloß übersiedeln. Als dann zehn Jahre später die Liegnitzer Ritterakademie aus den Einkünften des Johannisstiftes errichtet wurde, da wurde auch die Stiftsbibliothek der neugegründeten Anstalt überwiesen „zum Nutzen der Professoren und Akademisten“. Doch behielt sie ihren Standort in dem Schlosse. Erst 1741, als Friedrich der Große Besitz von Liegnitz nahm, wurde sie vom Schlosse in das Akademiegebäude geschafft, wo sie noch jetzt aufgestellt und mit der Lehrerbibliothek des staatlichen Gymnasiums Johanneum vereinigt ist.
Trotz wiederholter größerer Verluste, die die Bibliothek im Dreißigjährigen Kriege und nach dem Tode ihres Gründers erfuhr, umfaßt sie heute noch etwa 9000 Bände, die sich auf alle Gebiete der Wissenschaft früherer Jahrhunderte verteilen. Darunter finden sich ein große Zahl sehr wertvoller Werke, auch zahlreiche sog. Wiegendrucke (d. s. Drucke vorm dem Jahre 1500) und verschiedene Handschriften. Dazu kommt eine nicht unbedeutende Zahl von kleineren Schriften (Gelegenheitsschriften, wie z. B. viele Leichenpredigten und andere kirchliche Reden, ferner Abschriften von amtlichen Aktenstücken, die zwischen den kriegführenden Mächten jener Tage gewechselt wurden, sowie allerlei Broschüren politischen Inhalts usw. Auch so manche Schrift von schlesischen und Liegnitzer Verfassern, die dem Fürsten vielfach gewidmet wurden (z. B. Dichtungen von Martin Opitz u. a.). Wenn die Literatur aus dem 16. bis 18. Jahrhundert auch nicht auf so starke Benutzung wie die aus der Gegenwart und jüngsten Vergangenheit rechnen kann, so stellen jene alten Bestände doch einen Besitz von hohem bibliographischen und historischen Wert dar und sind für die eigentlich wissenschaftliche Forschungsarbeit unentbehrlich.
Wir dürfen uns freuen, daß wir neben der Peter-Paul- und Liebfrauen-Kirchenbibliothek mit ihren alten, ungemein wertvollen Beständen auch die Bibliotheca Rudolfina haben, die zusammen mit jenen beiden Bibliotheken einen höchst wertvollen Bücherbesitz ausmachen, um den uns so manche größere Stadt beneidet. Hätten wir die Rudolfina nicht in Liegnitz, so wäre das ein empfindlicher Mangel, der gar nicht auszugleichen wäre! Das Vorhandensein dieser Bildungs- und Wissensschätze ist für Liegnitz jedenfalls ein nicht gering zu schätzendes Werbe- und Zugmittel. Zu wünschen bleibt nur dringend, daß Mittel und Wege gefunden werden möchten, die alte Fürstliche Stiftsbibliothek für die öffentliche Benutzung noch leichter, bequemer zugänglich zu machen.
F. Bahlow.